Ein Spektakel


Schon die Ouvertüre lässt darauf schließen, dass uns hier ein etwas anderer Film erwartet. Thematisch behandelt Ceux qui font les révolutions à moitié n'ont fait que se creuser un tombeau das Thema von einer Revolution, die zum Greifen nahe ist, aber dennoch ausbleibt. Was geht in den Köpfen der jungen Revolutionäre vor, die so erbittert gegen die Regierung und das unfaire System kämpfen und darüber hinaus fast sich selbst verlieren? Wissen sie eigentlich noch, wofür sie kämpfen?
Geladen mit Emotionalität, plötzlichen Wutausbrüchen, aber auch sehr intimen Momenten verfolgt der Film vier junge Menschen und wie sie diese besondere Situation empfinden, wie sie handeln. Die Charaktere sind schräg, jeder auf seine Weise überzeugt von der Sache, aber alle in ihrer Radikalität nicht sonderlich sympathisch. Nur ihr Ziel vor Augen sind sie auch bereit, Gewalt anzuwenden. Letztendlich ist es eine Reise, auf der jeder von ihnen sich selbst findet. Sie alle verlieren unabhängig voneinander das Vertrauen in sich und die Sache. Dauernd wird ihre Leidenschaft in Frage gestellt. Kein anderer scheint es so sehr zu wollen wie sie. Sie finden keine Unterstützung in der Bevölkerung. Die Revolution, die doch so nahe schien, droht zu versickern.

Doch das eigentlich Spannende, was diesen Film so besonders macht, ist die Machart. Dies ist kein normaler Film. Eher eine Collage. Ein Theater. Es gibt viele Monologe, in denen die Schauspieler direkt in die Kamera sehen. Viel provozierend nackte Haut. Viele Elemente des modernen Theaters sind enthalten: Plötzlicher Ausdruckstanz, die direkte Rede zum Publikum, die ineinander gewürfelten Ausschnitte aus historischen Aufnahmen, Theater und Spielfilm.
Jede Szene ist provokant. Die Schauspieler sind während ihrer theatralischen Monologe immer nackt. Alles ist penetrant. Ob das Geräusch der Säge, das viel zu lang zu hören ist und es schafft, dass das gesamte Publikum sich unwohl fühlt und sich auf den Sitzen windet, oder das lang anhaltende Geräusch beim Urinieren.
Der Film schockiert und provoziert. Für Viele scheint das zu viel gewesen zu sein - zumal der Film auch drei Stunden lang ist, wie ein echtes Theaterstück eben – und sie verließen den Saal, sodass am Ende kaum noch drei Viertel des anfangs ausgebuchten Saals gefüllt war. Für mich persönlich, war das vollkommen unverständlich. Sicherlich ist der Film drastisch und auch etwas unangenehm, doch sicherlich nicht langweilig. Er ist sogar sehr abwechslungsreich.
Der Regisseur, der übrigens kein Fremder auf der Berlinale ist - 2015 war er bereits mit seinem Film Corbo im 14Plus-Programm dabei – hat sich hier künstlerisch total ausgelebt. Es wurde beispielsweise sehr unterschiedliche Musik genutzt. Eröffnet mit Bläsermusik, im Interlude plötzlich Hard Rock und immer wieder andere musikalische Elemente dienten der Untermalung und Hervorhebung. Das Bildformat änderte sich häufig, wobei ich die Systematik dahinter noch nicht ganz sehe, sie aber sicherlich von großer Bedeutung ist.
Sein damaliger Film Corbo ist thematisch ähnlich, allerdings von der Machart her gänzlich anders, wodurch uns dieser Film zunächst etwas überraschte. Aber sobald ich mich dran gewöhnt hatte, fand ich ihn gar nicht so schlecht. Man muss sich natürlich auf ihn einlassen, aber dann kriegt man ein sehr interessantes Werk geliefert, in das sicherlich sehr viel Emotion geflossen ist.
Hier ist jede Szene, jedes Zitat, jedes Bildformat bis aufs kleinste Detail durchdacht und beim einmaligen Gucken können einem gar nicht alle künstlerischen Aspekte, die zum Unterstreichen der Situation gedacht sind, auffallen. Aber die, die man wahrnimmt, regen zum Nachdenken an.

Charaktere, Umfeld, Musik, Handlung. Alles passt hier auf seine Weise sehr gut zusammen und macht es zu einem einzigartigen Kunstwerk.

Zwischendurch hat man häufiger das Gefühl, dass der Film nach dieser Szene eigentlich zu Ende sein könnte, aber es geht immer noch weiter. Dies empfand ich gegen Ende als etwas ermüdend. Es war vielleicht einfach etwas zu viel. Doch natürlich musste auch hier noch mal schockiert werden.

Es ist ein nur schwer in einem Wort zusammenzufassender Film. Der Moderator hatte es in seiner Einleitung mit dem Wort episch versucht. Dies trifft vielleicht nicht ganz zu, weil man jemandem, der den Film nicht gesehen hat, damit nicht verdeutlich kann, was alles in dem Film steckt, aber es ist ein Versuch und in einigen Aspekten hat er hiermit sicherlich Recht.

Ceux qui font les révolutions à moitié n'ont fait que se creuser un tombeau ist sicherlich nicht für jeden ertragbar, aber ein Spektakel ist es schon.

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Opening the movie with an overture already lets us conclude that there is a kind of different film waiting for us here.
Thematically the film Ceux qui font les révolutions à moitié n'ont fait que se creuser un tombeau covers a revolution that is within reach but it simply does not happen. Background is this revolutionary feeling that developed in the French-speaking part of Canada in 2012. But then it was over. And nothing happened. Nothing changed.
Filled with emotions, sudden outbursts of fury but also many very intimate moments this film follows four young people and how they experience this very special situation, how they react. What do those young revolutionists think fighting so hard against the government and the unfair system that they nearly lose themselves? Do they still know what they are fighting for? Did they ever know? Or was it simply this revolutionary feeling in the air that led to their actions?
Every character is a bit weird, special in its own way, but totally convinced by his belief. Being extremely radical and willing to do everything for their goal even if that means using violence makes all of them not very likeable. It actually is hard to decide which of them is the worst.
In the end it is a journey where each of them loses faith in their revolution and their actions. Their enthusiasm is questioned often throughout the entire movie. Nobody else seems to want it as much as they do. There is no support by other people or the public. This revolution was bound to die before it even started.

But what makes this film special is not only the topic but more the making of it. This is no normal movie. It is rather something like a collage, a play. There are many monologues with the actors looking directly at the camera, talking directly to the audience. There is provokingly much nakedness.
Many aspects of modern theatre can be seen in this film: sudden free dance, direct talks to the audience, combined extracts from historical shots.
Every scene is provoking. The actors when talking directly to the audience are always naked. It all is penetrating: the awful sounds of the saw that can be heard way too long making everyone feel completely uncomfortable writhing in their seats, or the sound urinating.
This films shocks and provokes. It seems like it was a bit too much for a big part of the audience which unfortunately left the hall. For me personally that is not understandable. The movie certainly is not easy to digest but it surely is not boring. I was entertained the whole three hours.

The director used every possible stylistic element it seems. He used different music depending on the situation opening the movie with this long brass overture, using hard rock for the interlude and other oppositional genres. The picture ratio also changed conspicuously often. I could not quite understand the system behind it but that is something to look at next time. Like so much else.
There is definitely a lot of emotion flown into this movie. Every scene, every quote, every picture ratio is totally thought through. It is not possible to take in every detail and meaning behind the aspects when first watching the movie but one can try and those one does actually realize are thought-provoking.

The characters, surroundings, music, plot: Everything kind of fits and makes it to that amazing piece of art.
It is hard to characterize this film with just one word. When introducing the audience trying to prepare us for the movie the moderator used the word epic. That might not fit perfectly because it just cannot describe what all comes along with this movie but it is a guess and in some aspects this definitely is true.

Not everyone will like Ceux qui font les révolutions à moitié n'ont fait que se creuser un tombeau. There are certainly many people who cannot bear to watch that film but it definitely is spectacular.


13.02.2017, Sarah Gosten

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